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Psychologie der Beichte

In der modernen Psychotherapie sind Schuldgefühle zu lange mit Pathologie gleichgesetzt worden. Natürlich gibt es psychopathologische Phänomene, etwa im Laufe einer Depression, eines Wahns, einer Neurose oder einer selbstunsicheren Persönlichkeit, im Rahmen derer sich Patienten dann zu Unrecht schuldig fühlen. Aber das sind krankhafte Ausnahmen. Normalerweise hat man Schuldgefühle, weil man eben schlichtweg schuldig geworden ist. Man hat sich für das Schlechte entschieden, obwohl man das Gute hätte tun können. Dem Psychotherapeuten steht zwar das Urteil zwischen Gut und Böse nicht zu, weil er keine richterliche, sondern eine therapeutische Funktion hat - aber das bedeutet nicht, dass diese moralisch-ethische Dimension nicht in jedem menschlichen Leben existiert. Diese beiden Spielarten könnten als physiologische und pathologische Schuldgefühle definiert werden: ähnlich wie beim Schmerz hat die Physiologie den Sinn, auf etwas aufmerksam zu machen was dem Körper nicht gut tut, und damit Heilung möglich macht, während der pathologische Schmerz sinnlos ist, sozusagen ein „Fehlalarm“ des Körpers. Bei den Schuldgefühlen werden erstere im Christentum durch die Beichte gelindert, zweitere durch die Psychiatrie bzw. Psychotherapie behandelt.

Mit der kirchlichen Forderung der häufigen Beichte ist klargestellt, dass jeder Mensch Fehler macht, ja jeder sündigt. Es ist also normal und menschlich, Sünden zu begehen, und es gibt auch ein Mittel zur Wiedergutmachung: die Absolution. Denn neben der wichtigeren sakramentalen Dimension hat sie natürlich auch eine psychodynamische Ebene. Zur objektiven Wirkung – der wirklichen Vergebung der Schuld durch Gott – kommt die subjektive: die Möglichkeit, das Drückende der Schuldgefühle abzuwerfen. Das ist eine erhebliche Erleichterung für den zwischen (Selbst-)Anspruch und (verdrängter) Realität zerrissenen Perfektionisten. Das Aussprechen der eigenen Schuld - ohne Beschönigen, Herumgerede und Fremdbeschuldigungen - ist deshalb christlich betrachtet heilsrelevant und psychologisch gesehen heilsam. Das mutige „Ich-habe-gesündigt“ klärt die eigene Beurteilung der Tat, denn die Gewohnheit an die Sünde wirft den Schleier des Unbewussten über die eigene Schlechtigkeit.

Die Beichte ist psychodynamisch gesehen die Möglichkeit, durch mutige Gewissenserforschung in die Abgründe des Halbbewussten und sogar Unbewussten herabzusteigen und schwelgende innere Konflikte durch bewusstes pointiertes Aussprechen vor einem Vertreter Gottes zu neutralisieren. Sigmund Freud hat scharfsinnig beschrieben, dass die neurotische Kränkung dort Platz greift, wo das idealisierte Selbst sich zu sehr vom realen Ich entfernt. Das heißt, je mehr sich jemand ein geschöntes Bild von sich selber zurechtlegt, umso eher ist er kränkbar. Durch das Sündenbekenntnis können so die schmerzhaft verdrängten Anteile des nicht-sein-können-weil-nicht-sein-dürfen der eignen Schuld wieder heilsam in das Bewusstsein integriert werden, wodurch auch der Neurotizismus einer Person reduziert wird, weil weniger Verdrängungsarbeit notwendig ist.

Es neurotisiert nicht - wie jahrzehntelang eine psychologisierende Pastoral gepredigt hat - eine hohe moralische Forderung, sondern der Selbstanspruch auf Fehlerlosigkeit, der keine Fehlerdefinition mehr zulassen kann, weil das Heilmittel - die Beichte – im Alltagsleben praktisch abgeschafft oder persönlich aufgegeben wurde. Denn erst das Sakramant der Versöhnung macht die christliche Forderung lebbar.

Christliche Vollkommenheit setzt das eigene Sündenbekenntnis voraus. Die Abschaffung des Sündenbegriffs, um die neurotische Selbstgerechtigkeit zu befriedigen, ist mit einer anstrengenden Verdrängungsarbeit der eigenen Fehlerhaftigkeit verbunden, die sich in Aggressionsdurchbrüchen gegen kirchlichen Normen Erleichterung schafft.

Ein Mensch, der regelmäßig beichten geht, erreicht im Normalfall einen hohen Grad an Selbsterkenntnis, weil er die Fähigkeit entwickelt, seine Emotionen, Gefühle, Leidenschaften und Taten zu hinterfragen, mit seiner Vernunft zu beurteilen, das heißt seine Reflexionsfähigkeit über sein Empfinden zu stellen. Damit kann auch die eigene Tat nicht als schicksalshafte Begebenheit erlebt, sondern einer rationalen Beurteilung unterzogen werden. Daraus resultiert letztendlich die Haltung der Dankbarkeit gegenüber einem Gott, der Sünde verzeiht. Solche Menschen können dann auch selber besser verzeihen und leben insgesamt froher.

14.00 - 16.00

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RAPHAEL M. BONELLI

 
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